Manchmal schauen wir auf die Uhr und denken: schon wieder ein Tag vorbei. Termine, Aufgaben, Verpflichtungen und irgendwo dazwischen läuft sie weiter: unsere Zeit. Stellen Sie sich vor, Sie hätten ein Konto, auf das Ihnen jeden Morgen 86.400 Euro eingezahlt werden. Doch es gibt zwei Regeln: Was Sie an diesem Tag nicht ausgeben, verfällt. Und die Bank kann dieses Konto jederzeit ohne Vorwarnung schließen.
Ein solches Konto gibt es tatsächlich. Nur ist es nicht mit Geld gefüllt, sondern mit Zeit. Jeden Morgen werden uns 86.400 Sekunden Lebenszeit geschenkt, ein neuer Tag. Nach 24 Stunden ist dieser Tag vorüber. 168 Stunden hat eine Woche. 8.760 Stunden ein Jahr. Und in nicht einmal 600.000 Stunden sind 70 Jahre vergangen. Wie gehen wir eigentlich mit diesem Reichtum um, den wir Zeit nennen? Manchmal frage ich mich: Wo ist sie geblieben, meine Zeit? Die Jahre, die so voll waren. Die Tage, die ich „irgendwann“ leben wollte. Zeit kann uns durch die Finger rinnen wie feiner Sand im Wind.
Wir befinden uns in der Passionszeit, den Wochen vor Ostern. Eine Zeit, die einlädt, einen Moment innezuhalten und neu hinzuschauen. Gerade jetzt im Frühjahr geschieht auf den Feldern etwas, das man leicht übersieht. Ein Samenkorn wirkt klein und unscheinbar. Wer es nur anschaut, könnte denken: Da passiert doch nichts, doch im Verborgenen beginnt etwas zu wachsen. Es braucht Geduld, Stille und Vertrauen. Vielleicht ist es im Leben ähnlich. Manchmal reicht ein Satz, ein Blick, ein ehrliches „Ich traue dir das zu“. Und Jahre später sagt jemand: „Dieser Moment hat mich getragen.“ Vor einiger Zeit erzählte mir ein Mann von einer Begegnung an einer roten Ampel. Eine ältere Frau kämpfte mit schweren Einkaufstaschen. Eigentlich wollte er weiterfahren. Doch er hielt an und trug ihr die Taschen bis zur Haustür. Drei Minuten dauerte das. Beim Abschied sagte sie leise: „Ich habe heute gebetet, dass mir jemand hilft. Sie sind die Antwort.“
Drei Minuten, im Terminkalender ein Nichts, im Leben eines Menschen ein Geschenk. Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis: Gott zählt unsere Zeit nicht. Er wiegt sie. Und manchmal beginnt schon in einer einzigen Minute ein Samenkorn zu wachsen. Vielleicht genau heute.

